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Die Untergeher-Stadt
19.10.2004 | BIRGIT LEHNEIS UND PAUL HEIL (BR2 | Zündfunk)
Ich bin ja eher so ein Mensch der es genau wissen will. Das Buch "Bildung" von Dietrich Schwanitz, als Schnellschuss-Info für die gelungene Partykonversation in Sachen Geschichte und Geisteswissenschaften, reicht mir einfach nicht! Deshalb hab ich mir zum Beispiel schon vor Jahren die Zehnerpack-CD-Sammlung "MegaClassics" bei Tchibo besorgt: Beethoven, Bruckner, Brahms - alles drauf! Thema Klassische Musik hiermit erfolgreich abgehakt.
Sehr froh bin ich daher auch, dass sich ein Münchener Zeitungsverlag dieses Jahr die Mühe gemacht hat, mir die Welt der Literatur des 20sten Jahrhunderts, in Form von 50 ausgewählten Romanen, nahe zu bringen. Und das zu einem Tchiboverdächtigen Schnäppchenpreis! Um so erstaunter war ich dann, dass sogar meine derzeitige Wahlheimat Passau in einem dieser herausragenden Werke zumindest kurz Erwähnung findet. Welche ostbayerische Stadt kann das schon für sich beanspruchen? Regensburg, Straubing oder Deggendorf bei Grass, Frisch oder Hesse? Fehlanzeige!!
Aber Passau - und zwar so: "..., aber schon als sie in Passau ankamen hatten sie gesehen, dass es sich bei Passau um eine der hässlichsten Städte überhaupt handle, um eine Salzburg nacheifernde Stadt, die vor Hilflosigkeit und Hässlichkeit und widerwärtiger Plumpheit strotzende Stadt, die sich in perverser Hochmütigkeit Dreiflüssestadt nennt."
Nun gut, das klingt nicht, als hätte es der hiesige Tourismusverband verfasst! Nein diese schmückenden Formulierungen stammen vom Österreichischen Dramatiker Thomas Bernhard und zwar aus dessen Roman "Der Untergeher". Dort schildert er das tragische Scheitern zweier ehemals hoffnungsvoller Klaviervirtuosen des Salzburger Konservatoriums, verursacht durch die Freundschaft zum Musikgenie Glenn Gould, der ihnen mit seiner Interpretation der "Goldbergvariationen" mal so richtig zeigt, wo der Hammer hängt. Oben zitierte Passau-Episode ist für die Handlung im Roman an sich unbedeutend, für Thomas Bernhard, den Misanthropen, aber symptomatisch und für unsereins in Passau natürlich harter Stoff!
Um so mehr verwundert war ich, als ich neulich feststellen musste, dass es hier in Passau einen "Thomas-Bernhard-Freunde-Verein" gibt. Unglaublich: Bernhard-"Freunde"! Wo man doch in Passau eher ganze Legionen an "Thomas-Bernhard-Versehrten-Verbänden", oder so, vermuten müsste!
Jetzt kommt's noch dicker: Die Passauer Thomas-Bernhard-Freunde wagen die absolute Konfrontation! Vom 27. bis 29. Oktober veranstalten sie im Cafe Museum eine dreitägige Lesung des kompletten (!) Romans "Der Untergeher". Da der Beginn jeweils um 20 Uhr ist, der Roman 157 Seiten hat und Passau auf Seite 48 "gedisst" wird, müsste man meiner Berechnung nach am 27. Oktober um etwa 23:43 im Cafe Museum sich davon überzeugen können, dass die Passauer Bernhard-Freunde ziemlich selbstironisch, großherzig und überhaupt nicht nachtragend sind.
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