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Ganz für mich
Lesen in Deutschland (2): Wie wir von den Besessenen lernen können, wieder Spaß an der Lektüre zu haben. Eine Reise.
27.06.2009 | Hilmar Klute (Süddeutsche Zeitung | SZ Wochenende)
Dass einer sich hinsetzt und still in einem Buch liest – früher hat es so etwas nicht gegeben. Bücher und Schriften waren dazu da, laut vorgetragen zu werden, und wer sich mit seiner Lektüre in irgendeinen Klosterkreuzgang gestellt hat, um schweigend das aufzusaugen, was er dort las, musste sich hinterher flagellieren, dass die Fetzen flogen. Stilles Lesen, der argentinische Schriftsteller Alberto Manguel erzählt das in seiner „Geschichte des Lesens”, private Lektüre nannte man auch die „Seuche, die wütet am Mittag”, und sie bedeutete Müßiggang, Lasterhaftigkeit, Sünde.
Zum Beispiel soll Alexander der Große einmal einen Brief seiner Mutter bekommen haben, den er schweigend und ganz für sich allein las – ein Ereignis, das seine Soldaten ziemlich blass werden ließ, und die Soldaten Alexanders dürften einiges gewohnt gewesen sein. Das stille Lesen hat sich aber Gott sei Dank durchgesetzt, sonst wäre der Großraumwagen im Zug nach Tübingen – der ersten Station dieser Lesereise – ein einziger summender Bienenstock.
Aber haben die Kulturpessimisten nicht schon vor längerer Zeit festgelegt, dass das Lesen vollkommen aus der Mode gekommen ist, respektive dass es nur noch von 55-jährigen Frauen im Vorruhestand betrieben wird, die irgendwo den Satz gelesen haben, dass Frauen, die lesen, gefährlich seien? Ja, vielleicht rechnet man noch die überambitionierten Eltern dazu, die ihren Kindern im Schnitt 100 Bücher pro Jahr kaufen, um den Notendurchschnitt zu verbessern.
Was ist Lesen heute, und warum tun wir uns so schwer damit? Es gilt, auf dieser Reise ein paar Leute zu besuchen, die lesen und dafür sorgen, dass andere Leute auch lesen. Viele stille Leser sind dabei, aber auch ein paar Vorleser und dann wieder solche, die fürchten, dass die Lesekultur in Deutschland eher den Bach runtergeht, vielleicht auch, weil bei manchen Menschen die Sorgen ums tägliche Überleben zu groß geworden sind, als dass sie im Lesen Trost finden könnten. Und dann müssen wir unbedingt ein paar von denjenigen finden, für die das Lesen kein Zeitvertreib ist, sondern eine Lebensform; Leser, die so leseverrückt sind, dass sie all diejenigen Lügen strafen, die uns immer wieder weismachen wollen, dass die Leute lieber vor der Glotze hängen als über Büchern. Ein paar Zahlen müssen wohl genannt werden, Statistiken bleiben nicht erspart.
Schon hier im Regionalzug sitzen überall Lesende ; ragen Bücher aus den Rucksäcken der Studentinnen, und der weißlackierte Fingernagel der Hausfrau macht ein Eselsohr in den neuen Liebesroman von Nicholas Sparks, bevor die Leserin den Zug in Tübingen verlässt.
Wir müssen hier auch raus, weil hinter den Neckarauen, in einer alten, krummen Gasse unter dem Schloss Hohentübingen, unser erster Leser wohnt: der Schriftsteller Rolf Vollmann, Autor des pompösen Romanverführers „Die wunderbaren Falschmünzer” – das Buch ist ein kluger und lässiger Spaziergang durch die europäische und amerikanische Romanwelt von 1800 bis 1930. Vollmann also sitzt in der Küche seiner alten Professorenwohnung aus dem neunzehnten Jahrhundert, vom kleinen Arbeitszimmer hinten blickt man auf den Neckar, schräg gegenüber wurde 1787 der Dichter Ludwig Uhland geboren. Rolf Vollmann ist ein wilder Leser, einer, der sich den Teufel schert um Lesekanons, Romantheorien und Literaturgeschichten. Theorie, das sei etwas für Leute, die nicht genügend Romane gelesen haben. Ja, eben, wozu braucht ein Leser Hilfestellungen? „Es ist doch schön, sich durch diesen Himmel von Literatur zu lesen, wo alles aufeinander verweist.” Neun Jahre lang hat sich Vollmann durch die Romane der Welt gelesen, Sterne, Proust, Henry James, Flaubert, Balzac, sieben Stunden am Tag, um ein Jahr lang an seinem eigenen Roman über die Romane zu schreiben. „Ich mach das Lesen ja sozusagen als Beruf”, sagt er. „Das kann man vermutlich nur, wenn man das umsetzt in Aktivitäten. Und Schreiben ist die natürlichste.”
Was das Wunderbare an Vollmanns schönem und wahnsinnigen Falschmünzer-Buch ist? Dass es nicht sagt, was einer lesen muss und soll und darf. Das Repräsentative steht hier neben dem Abseitigen, Fontane und Stifter neben Spielvogel und Rehfues: „Beim Kanon nimmt das Lesen an Abenteuerlichkeit ab. Der Spaß fängt doch erst richtig an, wenn man vom Mainstream weggeht.” Sicher, das alles hier ist die ganz große Kunst des Lesens, die souveräne Aneignung von Weltliteratur, welche mit Wissen einhergeht und die Erfahrung eines langen Leselebens voraussetzt. Aber wie kommt man überhaupt ans Lesen? Und gibt es tatsächlich Menschen, die nie dahin finden werden?
In Mainz könnte es ein paar Antworten auf die Fragen nach dem richtigen Weg in die Lesesozialisation geben. Hier nämlich, gleich hinterm Bahnhof, zieht einen der Römerwall mit seinen alten Gründerzeitvillen angenehm vom verkehrslärmigen Ring weg. In einem der Häuser ist die Zentrale der Stiftung Lesen untergebracht, einer Institution, die sich um die Leseförderung in Deutschland – insbesondere an Schulen – kümmert. Christoph Schäfer ist hier einer, der Leseförderung koordiniert und mitkonzipiert, und der weiß, wie sehr es vom Elternhaus abhängt, ob ein Kind etwas mit Büchern anzufangen weiß oder nicht.
Aber die einfache Losung, die einem gleich auf der Hand zu liegen scheint, will Schäfer von vornherein nicht ausgeben, nämlich dass sozial randständige Menschen von vornherein von der Bildung durch Lesen ausgeschlossen seien. „Es gibt bildungsferne Schichten, die sich durchaus um die Leseerziehung ihrer Kinder bemühen.”
Schäfer erzählt die Geschichte jener Mutter in Leipzig, die nie ein Buch in der Hand hatte, aber alles dafür tut, dass ihr Sohn an die Lektüre herangeführt wird. Das klingt jetzt natürlich alles sehr nach Unterricht und Notwendigkeit und gar nicht nach der Lust, mit der Lesen ja auch zu tun hat. 42 Prozent aller 15-Jährigen, so steht es in der Pisastudie, haben angegeben, niemals aus Vergnügen ein Buch zu lesen. Und 20 Prozent stehen an der Grenze zum sogenannten sekundären Analphabetismus. Das bedeutet, dass die Lesekompetenz dieser Kinder und Jugendlichen derart unterentwickelt ist, dass sie nicht in der Lage sind, eine Tageszeitung zu begreifen. Das ist die eine Seite. Das sind die Pisakinder, so nennt Christoph Schäfer sie.
Auf der anderen Seite stehen die Potter-Kinder, jene Jungen und Mädchen also, die in der Lage sind, auch komplexe literarische Gebilde – denn bei Joanne K. Rowlings Romanreihe handelt es sich um ein solches – zu bewältigen. Und das Schöne ist, dass diese Jugendlichen bereits ein kulturelles, mediales Fundament haben, auf dem Leseförderung fußen könne. Ihre Chatrooms und Communities, die digitalen Vernetzungswerke, die das ausmachen, was früher vielleicht die klassischen Lesegesellschaften geleistet haben: eine Kultur des Austauschs und vielleicht sogar der Profilierung, – schließlich stehen die Leserrezensionen bei Amazon ja auch für den Wunsch, wertend an einem kulturellen Prozess teilzunehmen: „Novalis und ich und wie wir die Welt sehen”, beschreibt Schäfer das etwas spöttisch; aber er weiß natürlich, dass die Vernetzung, das digitale und analoge Weiterreichen unverzichtbar für die Vermittlung von Lesestoff ist.
Bücher werden auf die Reise geschickt, auf den Seiten von Bookcrossing zum Beispiel geben Leser kurze Kommentare zu gelesenen Büchern ab und reichen diese an einen interessierten Kreis weiter. In Köln und München werden Bücher in Plastiktüten verpackt und an verschiedenen Stellen der Stadt hinterlegt, gefunden und mit kurzen Notizen bewertet. Das Lesen, auch das stille Lesen, soll eine soziale, verbindende Kulturtechnik sein. So wollen es die Bookcrosser, so wollen es Amazon-Sternchenverteiler. Und so will es auch der Schriftsteller Hanns Josef Ortheil, der demnächst in drei deutschen Städten – Stuttgart, Hildesheim und Wissen an der Sieg – Buchhandlungen eröffnen wird, in denen Bücher gewissermaßen analog miteinander vernetzt werden. „Von der Idee her ist es eher eine Bibliothek als eine klassische Buchhandlung”, sagt Ortheil, dem eine Art „Verweisbuchhandlung” vorschwebt, in welcher zu einem Themenfeld grundlegende Bücher im Regal stehen, die dann ergänzt werden.
In der Rubrik „Reisen” geht es zum Beispiel mit dem populären Essay von Alain de Botton los. Ortheil stellt daneben vielleicht ein Reisebuch von Chatwin, und so pflanzt sich das Ganze selber fort, und die Leser können wie im Internet ihre Ansichten zu dieser Bücherwelt aufschreiben – es ist eine ungewöhnliche Sache, das Prinzip der Communities auf die analoge Welt zu übertragen. Warum greift ein Schriftsteller zu einer derartigen, auch ein bisschen verschroben-idealistischen Bildungsinitiative?
„Ich bin grundsätzlich unzufrieden mit dem Thema Lesen”, sagt Ortheil. Lesen werde zunehmend akademisiert, schon an Schulen stehe die Interpretation vor dem Lustprinzip. „Aber”, da ist der Mann kategorisch, „Romane wurden doch zunächst einmal geschrieben, um mit Freude gelesen, und nicht, um unter Qualen interpretiert zu werden.” Und sie seien nicht geeignet, einem Kanon unterstellt zu werden, wie ihn zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki seit Jahren zusammenschustert.
Ortheil neigt eher dazu, sich Lektüren wie exquisite Mahlzeiten zuzuführen – sein jüngstes Buch „Lesehunger” ist ein Dialog zwischen dem Schriftsteller und einer Fragestellerin, welche von Ortheil bekocht, mit Champagner bewirtet und natürlich mit Büchern versorgt wird, von denen manches als „Appetitanreger ersten Grades” Empfehlung findet. In seinen Buchhandlungen soll auch Champagner getrunken und ausgesuchte Hintergrundmusik gespielt werden, alles soll aufgehen in einem großen sinnlichen Kulturerlebnis, so wollen es die Leute.
Inszenierungen des Lesens kommen nicht überall derart auskomponiert daher wie bei Ortheil, und wie es aussieht, verschränken sich die Bedürfnisse der Leser oft genug mit denen der Alltagskonsumenten. Krimidinner, Dreisternemenüs als Rundung literarischer Happenings rücken an die Stelle der gewöhnlichen Dichterlesung. Christoph Schäfer von der Stiftung Lesen hegt ein warmes Gefühl für diese neuen Formen: „Es ist schön, dass die Literatur vom Prinzip ein Buchsbaum links, einer rechts und ein bärtiger Dichter in der Mitte” abgekommen sei. Aber vorlesen lassen möchten sich die Leute immer sehr gerne. „Es gibt eine Rückkehr zur Vermündlichung von Literatur”, sagt Christoph Schäfer.
Und deshalb gibt es auch diese drei Männer in Passau, die zumindest Schäfers zweite Beobachtung teilen und selbst einen sehr ambitionierten Beitrag zur Vermündlichung von Literatur leisten. Im Stiftsgarten der Altstadt, dem sehr schönen, mit Laubennischen versehenen Wirtshaus, sitzen die Passauer „Thomas-Bernhard-Freunde”, das sind Karl Krieg, Alois Feuerer und Eberhard Wind. Sie erzählen, wie sie einmal an drei Tagen die „Auslöschung” von Thomas Bernhard komplett im Scharfrichterhaus gelesen haben, 23 Stunden lang. Das klingt selbst fast ein bisschen nach den Obsessionen diverser Bernhard-Figuren, aber die Bernhard-Freunde wollen die Passauer an die Texte bringen und den Zuhörern den Eindruck verschaffen, sie gehörten einem Kreis von Leuten an, die „an einem Prozess teilnehmen, der mit Literatur, mit Kultur und Geistigkeit zu tun hat”, sagt Alois Feuerer, der früher Deutschlehrer war und immer ein bisschen darunter gelitten habe, dass die Literatur in der Schule nicht dermaßen zur Entfaltung kommt wie bei Erwachsenen, die, so Feuerer, „mit ihren vielfältigen gewachsenen Erfahrungen” an die Lektüre gehen. Eberhard Wind, von Beruf Informatiker, hatte mit Bernhard gewissermaßen sein literarisches Initiationserlebnis, weil er zunächste die Bernhard’sche Sprache als Musik genossen habe.
Und jetzt muss Karl Krieg, der Mann ist Bibliothekar, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Passauer Pegasus und Initiator von Autorenlesungen, doch noch einmal auf die inkriminierte Form der Buchsbaum-bärtigen Dichterlesung zurückkommen. Ihn ärgert die Polemik, weil er gerade „die Lesungen mit dem Glas Wasser” spannend findet. Da sei es ruhig, die Konzentration liege auf dem Text und hinterher diskutiert man mit dem Autor. Ja, stimmt eigentlich. Was soll schlecht daran sein, einfach nur einem Text zuzuhören und ausnahmsweise dabei nicht Jacobsmuscheln zu Ruinart Rosé zu verputzen?
Ach, es gibt so viele Bücher, Leser und Autoren und es gibt so viele unterschiedliche Arten, sich Texte einzuverleiben, dass diese Vielfalt der Leidenschaften selbst schon eine ganz eigene Sparte von Büchern produziert. In den neunziger Jahren beruhigte der französische Humorist und Philologe Daniel Pennac das schlechte Gewissen derer, die ein Buch aus Überdruss weglegen, mit einigen launigen Regeln für Leser – darunter war auch das gute Recht, ein Buch un- oder halbgelesen wegzustellen. Pierre Bayard, auch Franzose und Literaturwissenschaftler, hat eine ähnliche Theorie des Nichtlesenmüssens entwickelt und ein sehr amüsantes Lob des flüchtigen Durchblätterns gesungen. Umberto Eco beschäftigt sich in „Die Kunst des Bücherliebens” vorzüglich mit der Bibliophilie und ist sich nicht zu schade, die eitle Bemerkung hinzuschmunzeln, ein von ihm, Eco, signiertes Werk erfahre eine Wertsteigerung. Na ja, geschenkt.
Dafür ist sein„Innerer Monolog eines E-Books” ein wirklich ergreifendes kleines Stück über die Melancholie des Lesens. Denn das E-Book liebt all die Geschichten, die in ihm drin sind und leidet wie ein E-Hund, wenn wieder ein neuer Text eingespeist wird und den alten löscht: „Aus Erfahrung – ich lebe sie immer noch – ist das ganz ungeheuerlich, aber ich merke, wie die dunkle Sehnsucht nach dem vorigen Text . . . aber es ist, als wäre ich in der Tiefe meiner Stromkreise begraben, und in gewissem Sinne bin ich dazu verdammt, immer nur in dem neuen zu leben.”
Rolf Vollmann hat sein Lesegedächtnis als Buch veröffentlicht, so geht nichts verloren, für ihn nicht und nicht für den Leser, zu dessen Gunsten er all die schönen Sachen vorgekostet hat, wie es der Literatur-Kulinariker Ortheil vielleicht ausdrücken würde. Und das Allerschönste ist überhaupt, dass Rolf Vollmann eigentlich überhaupt keine Botschaft an den Leser hat: Keinen Kanon, keinen Dichter, den zu kennen unverzichtbar wäre, keine freundliche Anleitung zur Lesersozialisation.
Nichts also?
Doch, eines gibt der Allesleser Vollmann uns noch mit auf den Weg: „Es gibt sicher kein Buch, das man gelesen haben muss.”
Rolf Vollmann ist einer, der sich einen Teufel schert um Lesekanons.
Warum nicht zuhören, ohne Jacobsmuscheln dabei zu verputzen?
Ist Lesen grundsätzlich ein lustvolles Unternehmen, oder muss man sich die richtige Lesehaltung erst erarbeiten? Manche sagen, es sei überhaupt schlecht bestellt um das Lesen in Deutschland. Andere, wie Rolf Vollmann (Bild unten, li.), tun es einfach, oder sie entwickeln Konzepte für eine besondere Art von Buchhandlung – wie der Schriftsteller Hanns Josef Ortheil (unten re.) Fotos: rechts: Martin Parr/ Magnum Photos/Agentur Focus; unten: Frank Bayk; Peter Peitsch
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