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Besuch in Salzburg am Samstag, dem 6. März 2004

 

"Der Mensch muss horchen und lesen und in Bewegung sein. Er muss mindestens einmal im Tage eine neue Landschaft sehen. Wenn er sie nicht sieht, verkommt er."
Von einem, der auszog die Welt zu sehen.


Am Samstag, den 6. März 2004, besuchten 28 Passauer Thomas- Bernhard- Freundinnen und -Freunde Thomas Bernhards Heimatstadt an der Salzach.

 

"Diese Stadt ist immer eine mich peinigende gewesen, und sie hat Freude und Glück und Geborgenheit dem Kind und dem Jüngling, der ich damals gewesen bin, einfach nicht zugelassen… die Tatsache, dass der junge Mensch überhaupt nirgends in dieser Stadt einen ihn schützenden Punkt hatte, machte mich immer unglücklicher…"
Dieses wie alle folgenden, nicht gekennzeichneten Zitate stammt aus "Die Ursache. Eine Andeutung" (1975).

 

Auf dem Programm standen:

 

Der Verlauf:

Der Erkundungsgang begann um 14.30 bei Sonnenschein am Pitterkeller und endete um 17 Uhr bei leichtem Regen an der Staatsbrücke.

Erste Station war der Platz östlich der Andrä- Kirche, wo vor dem Abriss die mächtige, 1944 durch Bomben zerstörte "Schranne" stand.

Von hier aus sah man den Ort des ebenfalls abgerissenen, zuerst nationalsozialistischen "Schulknabenasyls" Johanneum, ab 1945 katholisches Schülerheim Johanneum, an der Schrannengasse 4, in dem T.B. von 1944 bis 1947 wohnte.

"Das Internat ist dem Neueingetretenen ein raffiniert gegen ihn und also gegen seine ganze Existenz entworfener, niederträchtig gegen seinen Geist gebauter Kerker.. Das Internat als Kerker bedeutet zunehmend Strafverschärfung und schließlich vollkommene Aussichts- und Hoffnungslosigkeit."

Unweit davon steht das schöne Gebäude der von T. B. besuchten K.K. Volks- und Hauptschule, "Ändräschule", früher Haydnstraße 3, heute Faberstraße.

Dazu die biographischen Tatsachen:
T.B. trat hier am 24. 4. 1943 in die 2. Klasse der HS ein. Er erlebte ab dem 16.10. drei schwere Bombenangriffe auf Salzburg. Nach dem dritten am 17.10. kehrte er nach Traunstein zur Familie zurück.
1945 erfolgt nach Abschluss der dritten Klasse HS, heute 7. Klasse, der Eintritt in das Staatsgymnasium am Universitätsplatz, heute Akademisches Gymnasium am Rainberg.
1946 übersiedelt die gesamte Freumbichler- Bernhard- Farald- Familie nach Salzburg in die Radetzkystraße 10. Nach einer Wiederholungsprüfung in Latein muss T.B. die zweite Klasse Gymnasium wiederholen.
1947 bricht er das Gymnasium ab und beginnt die Kaufmannslehre in der Scherzhauserfeldsiedlung bei dem Lebensmittelhändler Karl Podlaha (1914 - 1983).
Ab 1948 nimmt er Gesangsunterricht bei Maria Keldorfer sowie Musiktheorie und Musikästhetik bei Theodor W. Werner.
Im Spätherbst holt er sich nach Abladung einer Fuhre mit Kartoffeln eine schwere Erkältung, die sich zu einer nassen Rippenfellentzündung ausweitet. Am 17.1. 1949 erfolgt die Einlieferung in das Landeskrankenhaus. Empfang der Letzten Ölung und Abschiebung ins Sterbezimmer. Am 11.2. Tod des Großvaters im gleichen Krankenhaus nach einer ärztlichen Fehldiagnose. Nach Einlieferung in das frühere Hotel Vötterl in Großgmain, einer Dependance des LKH, Ausbruch der Lungentuberkulose, deren Heilung mit zwei Aufenthalten in der Lungenheilstätte Grafenhof bei St. Veit im Pongau zwei Jahre in Anspruch nimmt, bis T.B. am 11.1. 1951 auf eigenes Risiko den Aufenthalt abbricht.
Am 27.7. 1950 begegnet T.B. erstmals der Wienerin Hedwig Stavianicek, dem über 36 Jahre älteren "Lebensmenschen", in der Pfarrkirche St. Veit i. P.
Am 13.10. dieses Jahres stirbt die Mutter Herta Fabjan an Krebs.

Von einem ehemaligen Internatszögling weiß Dr. Part: "Mit Bernhard war's nie fad!"
In der um die Ecke gelegenen Fabergasse wohnte auch Rudolf Brändle, den er als Mitpatienten im Grafenhof kennen und schätzen lernte und von dem er viel über Musik erfuhr. Brändle war Dirigent und Musiklehrer und schrieb das 10 Jahre nach Bernhards Tod veröffentlichte, lesenswerte Buch: "Zeugenfreundschaft " (Salzburg. Wien 1999)
Mit Zitaten aus Bernhards erstem Erinnerungsbuch "Die Ursache. Eine Andeutung" ließ Dr. Part die Grauen des Bombenkrieges aufleben.

"Ich habe bis heute die im Vorgarten des Konsumgebäudes liegenden mit Leintüchern zugedeckten Toten nicht vergessen, und komme ich heute in die Nähe des Bahnhofes, sehe ich diese Toten und höre ich diese verzweifelten Stimmen der Angehörigen dieser Toten, und der Geruch von verbranntem Tier- und Menschenfleisch in der Fanny von Lehnertstraße ist auch heute und immer wieder in diesem furchtbaren Bild. Das Geschehen in der Fanny von Lehnertstraße ist ein entscheidendes, mich für mein ganzes Leben verletzendes Geschehen als Erlebnis gewesen."

In diesem Zusammenhang erinnerte man an die verspätete Aufarbeitung der nationalsozialistischen Jahre Österreichs. Die Vorgänge um die Präsidentschaft Kurt Waldheims wie T. B. Anklagen hätten erst ab dem "Bedenkjahr" 1988, der 50. Wiederkehr des Anschlusses ans Reich, die intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit in Österreich in Gang gebracht.

 

Weiter kommen die Grauen des Bombenkrieges zur Sprache. Salzburg war darauf nicht vorbereitet und eingestellt. Umso größer war das Entsetzen, als beinahe die halbe Altstadt von den Bomben zerstört und 530 Menschen getötet wurden.

Man erinnert an den Vorwurf des deutschen Schriftstellers W. G. Sebald, der in seinen Zürcher Vorlesungen, die unter dem Titel "Literatur und Luftkrieg" in Buchform vorliegen, beklagte, dass diese Grauen des Bombenkrieges von der deutschen Literatur tabuisiert und kollektiv verdrängt worden seien. Man hätte Sebald aber neben Hans Erich Nossacks "Der Untergang" (Hamburgs) und Gert Ledigs "Vergeltung" auch die unter die Haut gehenden Bombenkriegs- Stellen aus Bernhards "Die Ursache" als Beispiele für die Anklage gegen den Bombenkrieg entgegenhalten können. Tatsächlich wird in Bernhards Erinnerungsbuch der Krieg und speziell der Bombenkrieg immer wieder als eine der größten Geiseln des Menschen angeprangert und dort wäre er wie jeder Überlebende "über die Ungeheuerlichkeiten im Hintergrund der Existenzen", die den Bombenkrieg erlebt haben und bei denen die "Lebensuhr stehen geblieben" ist, informiert worden. (Dazu auch Dieter Forte: "Schweigen oder sprechen",2002)

Dr. Matthias Part nennt in diesem Zusammenhang Hans Leberts (1919 Wien - 1993 Baden) "Wolfshaut"(1960 ), der in Österreich als einer der ersten die Bewältigung der Vergangenheit, des "Wolfsjahrhunderts", im Roman angeht.

 

 

Als zweite Station suchen wir in der 5 Geh- Minuten entfernten Glockengasse den Luftschutzstollen auf, der von 500- 700 kriegsgefangenen Zwangsarbeitern in den Kapuzinerberg getrieben worden sei.

Wir stehen unmittelbar vor dem Eingang, der durch einen Drahtmaschenzaun vom öffentlichen Raum abgetrennt ist. Insgesamt existierten in Salzburg 23 solcher Luftschutzbunker, die neben der einheimischen Bevölkerung auch 60 - 70 000 Flüchtlingen zum Schutz dienen mussten. Das Hauptproblem in den schlecht durchlüfteten überfüllten Stollen war der Sauerstoffmangel. Es durfte deshalb in den Stollen auch nicht gesprochen werden. Viele Schutzsuchende gerieten dadurch in Ohnmacht und mussten riskant aus den Stollen transportiert werden. T.B. marschierte mit seinen Mitschülern bzw. Internats-Kollegen nach einer eigens für Schulen eingerichteten Frühwarnung in den Glocken-gassenstollen, der offiziell über 450 Plätze verfügte.

In "Die Ursache" schildert T. B. diese Einzelheiten drastisch. Keiner der Stollen wurde von der Stadt wieder öffentlich zugänglich gemacht, keiner zum "Gedenkstollen" erklärt.

".. die meiste Zeit hatten wir bald nicht mehr in der Schule verbracht, sondern in den Luftschutz- Stollen, die, wie wir monatelang beobachtet hatten, vornehmlich von russischen und tschechischen Zwangsarbeitern in die beiden Stadtberge getrieben worden waren, riesige, Hunderte Meter lange Stollen."
"Auf dem Weg in die Gstättengasse war ich auf dem Gehsteig vor der Bürgerspitalkirche auf einen weichen Gegenstand getreten, und ich glaubte, es handle sich, wie ich auf den Gegenstand schaute, um eine Puppenhand…, aber es war eine von einem Kind abgerissene Kinderhand gewesen. Erst bei dem Anblick dieser Kinderhand war dieser erste Bombenangriff amerikanischer Flugzeuge auf meine Heimatstadt urplötzlich aus einer den Knaben, der ich gewesen war, in einen Fieberzustand versetzenden Sensation zu einem grauenhaften Eingriff der Gewalt und zur Katastrophe geworden."

Dritte Station war der Sebastian- Friedhof, wo wir zuerst vor die Paracelsus- Grabstätte in der Vorhalle der Kirche treten. Hier geht Part auf die Rolle der Ärzte und der Medizin in Bernhards Sichtweise ein. Seit seinem zweiten Roman "Verstörung (1967), den er in Brüssel in der Rue de la Croix bei dem befreundeten Grafen Alexander von Uexküll geschrieben habe, spielten die negativ gesehenen Ärzte eine zentrale Rolle in Bernhards Literatur. Auch Part weist auf ein Phänomen hin, das mir in letzter Zeit immer deutlicher wird, nämlich dass Bernhards Verzweiflungs-Literatur letztlich von einer tiefen Einfühlung in die Leiden und die Not der Menschen grundiert ist.
Nach den Ärzten spielt die Musik eine wesentliche Rolle in Bernhards Leben und Weltsicht.

"Die Musik war der meinem Wesen und meinem Talent und meiner Neigung der entsprechendste Gegensatz… Diese drei, Gesang, Musikwissenschaft und kaufmännische Lehre, hatten aus mir plötzlich einen ununterbrochen in größter Anspannung existierenden, tatsächlich völlig ausgelasteten Mensche gemacht und mir einen Idealzustand in Kopf und Körper ermöglicht… ich befand mich im Gleichgewicht."

 

 

Das Grab der Familie Mozart ist der angemessene Ort, daran zu erinnern, dass Mozarts "Zauberflöte" für T. B. die höchste Form musikalischen Ausdrucks war. Bernhard habe eine schöne, zuerst bei Maria Keldorfer geschulte Bass- Stimme gehabt. Beim in der Kirche von St. Veit gesungenen Ave Maria seien ihm die "Tränen über die Wangen geflossen".
Auch Wolfgang Amadeus Mozarts Lebensweg sei für Bernhard ein Beweis, dass "alles in dieser Stadt gegen das Schöpferische gerichtet ist."
Noch bis in die 70er Jahre sei die Nennung und Beschäftigung mit T.B. im Akademischen Gymnasium, das Bernhard ohne Abschluss besucht hat, verpönt gewesen. Dagegen haben heute in Salzburg Lehrer und Schüler keine Berührungsscheu mehr vor T.B., im Gegenteil könne man intensive Beschäftigungen mit Leben und Werk beispielsweise in der Andräschule beobachten.
Matthias Part macht uns auf die Stille und Schönheit in diesem Campo Santo aufmerksam.
T.B. habe die Friedhöfe geliebt. Schon als Kind sei er mit der Großmutter gerne auf Friedhöfe gegangen. In Salzburg entsprachen der Peters- Friedhof wie der Sebastians-Friedhof seiner Neigung, sich dort vom Getriebe und dem Leben zu distanzieren und sich von der für ihn selbstverständlichen Allgegenwart des Todes faszinieren zu lassen. Nicht nur die Kaffeehaus-Aufsuchkrankheit", sondern auch die "Friedhofsaufsuch-Krankheit" seien für ihn charakteristisch gewesen.

 

Sankt Sebastian in der Linzergasse

Mittag bückt sich auf die Gassenschwüle
Eingeschlossen ist die Erde da-
Nebel wandert einmal fern und nah,
und es knarrt im Dunkel das Gestühle.

Junge Frauen stehen auf und schreiten,
Blumenkränze auf der blassen Stirn.
Mit den Steinen darben Herz und Hirn.
Nach den tausendjährigen Festlichkeiten.

Schwere Luft von berstenden Gebeinen,
Glockenton steht auf in der Kapelle -
Irgendwo hör ich die Mutter weinen…

Paracelsus, Edelmänner, Frauen -
Alle starren wirr von langen Träumen
In das Grün von alten Mandelbäumen.

Dieses Gedicht wie auch das unten stehende "Salzburg" erschien erstmals in der von Wieland Schmied mitredigierten Zeitschrift "Die Furche" am 31.7.1954

 

 

Beim Gang zum Kapuzinerberg kommen wir in der Linzergasse an der Apotheke vorbei, wo eine Gedenktafel daran erinnert, dass hier Georg Trakl (1887 in Salzburg / 1914 in Krakau) vor seinem Pharmaciestudium in Wien als Apotheker gearbeitet hat.
Die Gedenktafel zitiert das Gedicht "Im Dunkel.." Die frühe Lyrik T.B. ist thematisch wie formal u.a. von Georg Trakl beeinflusst. Des Salzburger Georg Trakl- Preises wurde er allerdings nicht für würdig befunden.
Dr. Part wird nach der Rolle und Verarbeitung der Sexualität in Bernhards Werk gefragt.
Part geht auf dessen latente bis offene Homoerotik wie andere Manifestationen der Liebesmöglichkeiten in Bernhards Büchern ein Bruderpaar in "Amras", Lampersberg- Passagen in "Holzfällen", heteroerotische Wünsche nach Maria in "Auslöschung" oder vergeistigte Liebe und Dankbarkeit zum verstorbenen Lebensmenschen in "Alte Meister").
In dem Haus, wo die Central-Lichtspiele untergebracht sind, wohnte die "Dame aus Hannover", zu der TB. gerne ging, um Englischunterricht zu erhalten.

 

"Eines Tages, wahrscheinlich nach dem zweiten Bombenangriff auf die Stadt, war aus dem Gasthaus in der Linzergasse, in welchem mich die Dame unterrichtet hatte, ein Schutthaufen geworden, … plötzlich vor dem Schutthaufen stehend, war mir von jemandem, den ich nicht gekannt habe, der aber offensichtlich mich gekannt hatte, gesagt worden, unter dem Schutthaufen liegen alle Bewohner des Gasthauses, auch meine Englischlehrerin.
An den Wänden ihres Hauses, dem Vaterhaus meiner Gesangslehrerin, hatte ich ihre Epoche ablesen können, die zu diesem Zeitpunkt im Grunde längst vorüber war. Die Ölbilder und die vielen Kupferstiche gefielen mir, im ganzen Haus war alles, zu jener Zeit, in der überhaupt nichts mehr intakt gewesen war, intakt. Es war alles ein Widerspruch."

 

Beim Aufstieg über die steile Gasse zur Aussichtsterrasse des Kapuzinerbergs erzählt Dr. Part dass T. B. in den 50er Jahren mit dem berühmten Schauspieler Karl Merkatz ("Der Bockerer" und "Der Mundl") befreundet gewesen sei, der hier in der Nähe wohnte.
Gerne hätten sie Rilke- Gedichte rezitiert. Nach einer solchen alkoholisierten Rezitation probte T. B. an einem steilen Felsabfall des Berges den Selbstmord.
"So Karl, jetzt hupfma da owe!"
Matthias Part meint, dass T.B. eben immer "hart an der Kante agierte und lebte".

 

Die vierte Station war dann der Aussichtspunkt vor dem Eingang zum Kapuzinerkloster bzw. die Terrasse unterhalb der pompösen Stefan Zweig- Villa, wo der jüdische Erfolgsschriftsteller von 1919 bis zu seiner Emigration 1943 gelebt habe. 1942 habe er in Petropolis in Brasilien Selbstmord verübt. Zweig habe sein Haus als Begegnungsstätte von Europa- Anhängern, Pazifisten und Demokraten geführt. Berühmte Schriftsteller wie Thomas Mann, Romain Rolland und James Joyce wären hier Gast gewesen. Part weist auf T. B.s Vermächtnis- Stück "Heldenplatz" (1988) hin, in dem die Geschichte des nach England emigrierten jüdischen Professors Schusters erzählt wird. Enttäuscht darüber, dass sich nach seiner Rückkehr nach Österreich die Einstellungen und Haltungen aus der Vorkriegszeit kaum geändert haben, verübt er Selbstmord.
Stefan Zweig sei zutiefst Pazifist gewesen. Dennoch habe diese allbekannte Tatsache die Nazis nicht davon abgehalten, 1934 in Zweigs Haus nach Waffen zu suchen.
Bei der Bücherverbrennung 1938 auf dem Residenzplatz vor dem Dom seien auch Zweigs Bücher in die Flammen geflogen.
Dr. Part deutet auf den gegenüberliegenden, jetzt im Grau des Nieselregens stehenden Mönchsberg, wo er oft dem Dauerspaziergänger Peter Handke begegnet sei. Dann schweift unser Blick in den grauen flache Westen der Stadt, wo neben dem alten Lehener Fußball- Stadion "Der Keller" zu finden ist, wo T. B. als Kaufmannslehrling die Sorgen und Nöte der einfachen Leute, das "Verzweiflungs- und Beschämungsghetto" der Erniedrigten und Beleidigten kennen gelernt hat. Der Solidarität mit den Menschen der unteren Klassen ist er treu geblieben. Dort, wo "Der Keller" der Scherzhauserfeldsiedlung war, ist heute die Straße nach T. B. benannt.

Besuch von "Der Theatermacher" im Landestheater

 

"Wenn wir ehrlich sind / ist das Theater an sich eine Absurdität / aber wenn wir ehrlich sind / können wir kein Theater machen / weder können wir wenn wir ehrlich sind / ein Theaterstück schreiben / noch ein Theaterstück spielen / wenn wir ehrlich sind / können wir überhaupt nichts mehr tun / außer uns umbringen / da wir uns nicht umbringen wollen / weil wir uns nicht umbringen wollen / wenigstens bis heute und bis jetzt nicht / da wir uns also bis heute und bis jetzt nicht umgebracht haben / versuchen wir es immer wieder mit dem Theater / wir schreiben für das Theater / und wir spielen das Theater / und ist das alles auch das Absurdeste / und Verlogenste …
das Theater ist eine jahrtausendealte Perversität / in die die Menschheit vernarrt ist / und deshalb so tief vernarrt ist / weil sie in ihre Verlogenheit so tief vernarrt ist /
und nirgendwo sonst in dieser Menschheit / ist die Verlogenheit größer und faszinierender / als auf dem Theater (Ende)


Die Aufführung fand mit kleineren Abstrichen den Beifall der Passauer Besucher. Die Inszenierung lebte vom Spiel eines glaubwürdigen Hauptdarstellers, dem es gelang, sowohl das Komische wie das Tragische seiner Lebens- und Familienrolle zu gestalten. Besonders gefiel die Darstellung der weitgehend stumm bleibenden Familienmitglieder, mit einem hochkomischen Sohn, einer noch nicht ganz gebrochenen Tochter und einer grotesk-verzweifelt resignierten Frau und Mutter. Überzeugend auch der Wirt in seiner dumm-servilen, doch auch sich behauptenden Vitalität. Bernhards Stück lebte deutlich und unverwüstlich mit seiner Grundsituation, seinen komischen Einzelheiten und seinen Sprachgrotesken, die Wolfgang Kraßnitzer als Theatermacher variabel und hilfreich sprach. Ein realistisches angemessenes Bühnenbild unterstützte das Spiel wirksam. Gut der Einfall, im letzten Akt den Zuschauer von hinten auf die Bühne auf der Bühne blicken zu lassen, wo die Scheinwelt des Theatermachers dann am fiktiven Bühnenvorhang vor der Brandmauer endet. Die Schauspieler, allen voran der sichtlich bewegte Bruscon, wurden nach ihrer mit dieser Aufführung letzten Vorstellung mit viel Beifall für ihre Leistung und Darstellungskunst bedacht.

 

 

Nach einer unterhaltsamen Stärkungsstunde im Gablerbräu fuhr Kurt Schopf die Bernhard-Freunde unter Fortsetzung der angeregten Gespräche durch eine der letzten Winternächte des Jahres mit leichter Glättebildung auf der Straße sicher nach Passau, wo um Dreiviertelein- Uhr der informations- und eindrucksreiche Bernhard-Tag mit Kosten von EUR 20 für die Fahrt und EUR 7 für die Führung sowie EUR 22, 24 oder 27 für die Theaterkarte zu Ende ging.

Die Teilnehmer

 

Confais, Waltraud; Feuerer, Alois; Ecker, Edith; Ecker, Sylvie; Fischer, Leo; Hausteiner, Melitta; Henschel, Dieter; Lackermeier, Sibylle; Kellermann, Anita; Kreuzer, Paul; Krieg, Karl; Lindmeier, Ludwig; Meier, Franziska; Meier, Konrad; Mrkvicka, Eva; Mrkvicka, Franz; Niksch, Dieter; Niksch, Gudrun; Paleczek, Peter; Papke, Maria; Scharl, Michael; Schiller, Charlotte; Schober, Elisabeth; Splitgerber, Ingrid; Vesper, Susanne.; Waldherr, Sabine; Weikl, Hans; Wind, Eberhard

 

Ausklang:


Salzburg

Ihr hellen Türme in der klaren Frühe,
Du warmer Wind, du greisenhafter Baum.
Es greift des Domes Kuppel in den Raum
und wirft den Schatten ruhig, ohne Mühe

Über die Gassen und die Kapitelle. -
In ruhigen Höfen wuchert junger Wein.
Es eifert tausendmal der Sonnenschein
Im leisen Klingen einer Quelle.

Sr rieselt Licht über die flachen Dächer
und blinkt wie Feuer und wird bald zu Stein.
Die ganze Stadt trinkt aus dem Sonnenbecher

Und jubelt ferner in den grünen Lauben,
Und geht vereinsamt in den Himmel ein
und wird Musik in dem Gewirr der Tauben.

Lektüre- Empfehlung:

 

Thomas Bernhard: Die Ursache. Eine Andeutung" (1975) sowie alle vier Folgebände (bei dtv erhältlich).
Wie Dr. M. Part formulierte: "Immer hart an der Kante", so beschreibt T. B. seine Herkunft, seine Entwicklung, seine Kindheits- und Jugendjahre in Salzburg und Umgebung mit ihren lebensprägenden Erlebnissen und Erfahrungen in diesen fünf eindringlichen autobiographischen Büchern, ohne sich und andere zu schonen. Wer sie noch nicht kennt, sollte diese Erinnerungsbücher schnell lesen. Erst dann beginnt die Bekanntschaft mit T. B.

Verfasser: A.F. / 14.3.2004 // Fotos von Eberhard Wind

Dokumente zur Salzburgfahrt:

 

 



in Thomas Bernhards
Heimatstadt an der Salzach

 


Dr. Matthias Part (rechts), unser
bernhard-kompetenter Führer durch
Salzburg

 


1. Station mit Dr. Matthias Part:
Platz östlich der Andrä- Kirche

 


Blick vom Kapuzinerberg:
Andräkirche, Ort des Internats
und Ändräschule

 

 

Artikel der
Salzburger Nachrichten
zum Bombenkrieg
 

 


vor dem Glockengassenstollen

 


Arkaden im Sebastian- Friedhof

 


Grab der Familie Mozart

 


Arkaden im Sebastian- Friedhof

 


Aufstieg auf den Kapuzinerberg

 


Aussichtspunkt vor dem Eingang
zum Kapuzinerkloster


im Landestheater

 


Kaffeepause im "Cafe Bazar"