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Paralipomena zur Linzer Inszenierung von Thomas Bernhards "Am Ziel"
Natürlich muss man der Regisseurin am Landestheater, Sabine Mitterecker, schon zugute halten, dass sie sich bei ihrer Arbeit doch Gedanken gemacht hat, die ich im Folgenden nachzuvollziehen versuche. Und das geht meiner Meinung nach nur in einer Dechiffrierung einer symbolgeschwängerten Bühne.
"Am Ziel" mag ja zunächst einmal suggerieren, dass jemand dort angekommen ist, wo er hingewollt hat. Dass dies bei Bernhard per se unmöglich ist, braucht nicht sonderlich betont zu werden, sehr vielmehr kann es nur darum gehen, sich dem Wunsch der Realisierung anzunähern, was aber letztlich unmöglich ist, quasi die Quadratur des Kreises bedeutet. Wer aber ist nun im Linzer Landestheater "am Ziel" angekommen? Der Gusseisenwerksbesitzer als Ehemann der "Mutter" in seiner Funktion als Traumrealisator in Sachen Akkumulation des Kapitals! Materialisierung von (Liebes)Gefühlen! Und Geld verleiht Macht. Und diese kann sich realisieren in Macht über etwas und über andere. Somit bestimmt letztlich das Sein das Bewusstsein. Die Mutter hat materialiter ihr Ziel erreicht, doch das reicht ihr nicht, denn sie muss auch die damit verbundene Macht demonstrieren, Macht über Menschen, die sie umgeben. Das erste und wichtigste Opfer scheint ihre Tochter zu sein, über die sie in jeglicher Hinsicht bestimmt, ob nun direkt über Befehle oder indirekt dadurch, dass die Tochter ihr Verhalten bereits adaptiert hat, denn auch sie giert nach "Diamonds", wie sie unmissverständlich und hingebungsvoll von der Couch trällert. Doch die Erfüllung aller Wünsche degeneriert schließlich zu Langeweile und Ziellosigkeit. Der Raubtierkapitalismus - Sinnbild dafür ist der Leopard - frisst seine eigenen Kinder. Die Mutter versucht auf einem Pferd in eine andere Welt zu fliehen, in eine Wunschwelt, letztlich aber nur in eine Form von Utopie, denn zum einen kommt das Pferd nicht vom Fleck, zum andern bewegt es sich nur, wenn es mit Geld gefüttert wird - womit wir wieder am Anfang des Beweises wären. Der Marlboro-Cowboy in weiblicher Gestalt, der von der Weite der Sehnsucht träumt - man denke an die Lieblings-CDs! - (et vice versa), dabei aber nicht vom Platz kommt, sein Ziel nicht erreicht. Was bleibt? Der Griff in den Kühlsckrank und in das Eisfach - die aufdringlichste Metapher für den Zustand des zwischenmenschlichen Gefühlslebens -, zur Wodka-Flasche, während der Bernhard-Text von Cognac spricht. Aber in Linz grüßt bereits der Ost-Kapitalismus (Putin und Konsorten). Übrigens bedienen sich beide, Mutter wie Tochter, am Inhalt des Kühlgeräts.
Da wäre noch das Gewehr neben der Couch, auf der vorwiegend die Tochter liegt, überwiegend inaktiv, um sich selbst drehend nur im Tanz (und das recht fad), partnerlos, vom Gedudel vom Kopfhörer direkt ins eigene Gehirn. Mit der Waffe wurde - gefühlsmäßig - der Ehemann erschossen, damit wird die Tochter ebenso bedroht wie im zweiten Teil des Stücks der Schriftsteller, auf den die Mutter ja deutlich ab-zielt, damit der Tochter eine mögliche Verbindung zunichte macht. Die grenzenlose Macht der Mutter deformiert die abhängige Tochter zur hilflos Ohnmächtigen, über die die Mutter ostentativ hinwegsteigt, symbolisch überhöht durch die graue Katze, das Kinderspielzeug, was meint, dass der Deformationsprozess des Juvenilen ein latenter ist. Doch scheint mir diese Ohnmacht, als Zustand von Machtlosigkeit, nicht logisch durchstrukturiert, denn die Tochter erweckt nicht den Eindruck der matriarchal unterdrückt Leidvollen, der emotional Ausgebeuteten, da sie quasi das Instrument der Unterwerfung auf die Attackierende zurückgebogen hat, indem sie die strukturellen Bestandteile des Kapitalismus bereits internalisiert hat. Insgesamt betrachtet scheint die Tochter damit die Mutter bereits überholt zu haben, d.h. an ihrem Ziel zu sein. Und doch ist sie es nicht, denn die Grundprinzipien des Kapitalismus instrumentalisieren den Menschen zum Rädchen im Prozess der Akkumulation oder anders: Der Mensch degeneriert zur Ware, das Geld wird zum Fetisch des Gefühlslebens. Die Versuche des Schriftstellers, die Menschen und damit die Gesellschaft zu verändern, müssen letztlich scheitern, denn der Autor ist auch nur ein Teil des Systems, das er nicht aufhalten kann, wenn er es überhaupt will. Das Kapital schlägt somit noch aus dem Widerstand gegen es neues Kapital (Bücher, Theater etc.), um daraus Mehrwert zu produzieren, dem Dichter als Produzenten somit zu beweisen, worin schlussendlich sein Wert besteht. Zynisches Resümee: "Rette sich, wer kann"!
Martin Frauenhofer
