direkt zum Inhalt

 

Sie sind hier: Startseite | Aktuelles | Veranstaltung

"Der deutscher Mittagstisch" 

Die Schauspielgruppe des Wilhelm-Diess-Gymnasiums Pocking spielt 6 Dramolette aus Thomas Bernhards "Der deutscher Mittagstisch" (1988). 
Regie: Martin Frauenhofer und Julia Tenschert.
Mittwoch, 5. April 2006 (19:30 Uhr) Stadthalle Pocking

Donnerstag, 6. April 2006 (19:30 Uhr) Stadthalle Pocking


 

Schüler geben Mittagstisch eigene Würze 

(Passauer Neue Presse vom 08.04.2006) von Dr. Arno Scherling

 

Nach der Miniatur „Ein Fest für Boris“ standen nun die Dramolette „Der deutsche Mittagstisch“, geschrieben zwischen 1978 und 1981, in der Stadthalle auf dem Programm. Sechs der eigentlich sieben Einakter - auf „Alles oder nichts“ wurde verzichtet - stimmen einen skurrilen Totentanz an. „A Doda“ spielt auf halbdunkler Bühne. Zwei Betschwestern glauben, in der Dämmerung einen Toten liegen zu sehen und ergehen sich redundant rhetorisch in nahezu endlosen Spekulationen über die Umstände des Todesfalles. Kabarettistische Pointe: Es ist gar kein Toter, sondern ein Packen Hakenkreuzplakate, der dem Mann der Wortführerin (virtuos gschaftlhuberisch dargestellt von Ulrike Wiesemann) vom Motorrad gefallen ist.

 

Die „Maiandacht“ führt die Zuschauer auf einen oberbayerischen Kirchhof. Ein Hauch von Hamlet weht durch den Auftritt des Totengräbers Zorneder (Alexander Gansmeier). Doch nicht Ophelias Grab wird hier geschaufelt, sondern das Grab eines ehrenwerten Traunsteiner (dort verbrachte Bernhard einen Teil seiner Kindheit) Mitbürgers, welcher durch eigenes Verschulden unter die Räder eines jugoslawischen Lastwagens geriet. Im Dialog der zwei Kirchgängerinnen tritt die geniale Fähigkeit des Autors, dem Volk aufs Maul zu schauen, zutage. Unter der Regie von Julia Tenschert wurde er kongenial von Evi Kandlinger und Julia Ranner in lupenreinem Dialekt umgesetzt. Die Gemeinplätze über Missgunst, verklemmte Sexualität („den schönsten Gang hat unser Herr Pfarrer“) und Intoleranz gipfeln im Ausbruch der zweiten Nachbarin, „dass alle Türken und Jugoslawen vagast ghörn“.

 

In „Match“ monologisiert eine Polizisten-Gattin, derweil sich der Gemahl in eine Fußball-Übertragung versenkt. Maria (durchgängig schrill von Sarah Saller verkörpert) lässt Tiraden gegen Studenten und Italiener vom Stapel und träumt von einem Urlaub mit Balkon in Wolfratshausen (das war lange vor dem berühmten K-Frage-Frühstück im Januar 2002 geschrieben). Bewegten sich die ersten drei Dramolette zwischen Komödienstadel und Kabarett, fokussieren die Stücke „Freispruch“ und „Eis“ auf Kriegsverbrechen und Kabinett. Hochrangige Gerichts- und Politprominenz rühmt sich dabei jeweils im kleinen Kreis der „Heldentaten“ ihrer braunen Vergangenheit. Konrad Feldschmid erhält als stellvertretender Gerichtspräsident und Massenmörder Gelegenheit zu glänzender Rollengestaltung. Bei beiden Einaktern traute man sich trotz des großartigen Spiels gar nicht recht zu applaudieren: Wird bei „Freispruch“ am Ende das SA-Kampflied „Die Fahne hoch“ angestimmt, steht bei „Eis“ der triumphierende Terrorist vor den von ihm niedergeschossenen Politpromis.

 

Skurriler Schlusspunkt: Alle Mitwirkenden sitzen um einen Tisch und löffeln Suppe. Der Patriarch der Großfamilie, Herr Bernhard (K. Feldschmid), ruft aus: „Jetzt hab‘ ich aber genug, in jeder Suppe findet ihr die Nazis.“ Schließlich wird die Nazi- statt Nudelsuppen kochende Mutter von der Großfamilie erwürgt. „Der deutsche Mittagstisch“, von Bernhard als „eine Tragödie für ein Burgtheatergastspiel in Deutschland“ untertitelt und angeblich in nur siebzehn Minuten geschrieben, thematisiert seine Angst vor dem nationalsozialistischen Gedankengut, das er in Deutschland und Österreich tief verankert wähnte und gegen das er lebenslang anzuschreiben versuchte.

 

Mit dem Verzicht auf das siebte Stück befand sich Regisseur Martin Frauenhofer in bester Gesellschaft (mit Klaus Peymann). Diesen „Verlust“ machte er durch die Lesung kurzer Texte von Bernhard während der Umbaupausen mehr als wett.Am Ende des Theaterabends standen er und vierzehn Schauspieler auf der Bühne und lächelten zufrieden ins begeisterte Publikum.

 

 

Adobe Acrobat Reader kostenlos downloadenViele Dokumente liegen im PDF- Format vor, welche zum Beispiel mit dem Adobe Acrobat Reader angezeigt werden können. Adobe Acrobat Reader kostenlos downloaden