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"Passau"- Stellen in Thomas Bernhards Werk
gesammelt von Alois Feuerer
"Aber es ist schließlich alles gleichgültig, so mein Vater, so Roithamer. Vor diesem sogenannten Fehler hatte mein Vater, in Altensam geboren und aufgewachsen, nach den bekannten Internatserfahrungen, dann nach dem Absolvieren der für seine Zwecke notwendigen mittleren und höheren Schulen in Passau und Salzburg und Wien, das Leben oder die Existenz geführt, die die Männer immer in Altensam geführt haben"
aus "Korrektur", 1976, Suhrkamp, zitiert nach st 1583 Seite 159
"Wieder war ein Inserat in der Traunsteiner Zeitung die Ursache für eine Existenzwende:
eine Handelsakademie in Passau offerierte sich als ein hervorragendes Institut. Das ist genau das richtige für dich, sagte mein Großvater. Er kaufte zwei Fahrkarten erster Klasse. und wir fuhren nach
Passau. Anstatt in der ersten Klasse zu sitzen, hatten wir nach Wels und darüber hinaus in einem vollgestopften Gang an die vier Stunden stehen müssen. Die Fahrt in einem sogenannten Fronturlauberzug, andere gab es kaum, war eine Qual gewesen. als der Zug in Passau einfuhr, sahen wir, aus den Fenstern schauend, nur graue Mauern und lauter Aufschriften von Kohlenhandlungen. Mein Großvater hatte in dem berühmten Hotel
Passauer Wolf ein Zimmer für mehrere Nächte gemietet. Aber schon als
wir aus dem Bahnhof heraustraten, sagte mein Großvater, angeekelt von allem, das er bisher von
Passau gesehen hatte: nein, keine Stadt für dich, Passau ist absolut nichts für dich. Am nächsten Tag betraten wir noch die Handelsakademie. Und ich machte die geforderte Aufnahmeprüfung. Weil wir schon einmal da waren, aus keinem anderen Grund. Ich war jetzt dreizehn. Zwei Monate nach unserer
Passaureise, als wir Passau längst vergessen hatten, waren wir noch einmal an diesen Alptaum erinnert worden: die Akademie teilte meinem Großvater mit, dass sein Enkel die Aufnahmeprüfung mit besonderer Auszeichnung bestanden habe. Mein Großvater griff sich an den Kopf und sagte. wie gut, dass es nicht
Passau ist, dass ich Salzburg für dich bestimmt habe."
Aus "Ein Kind", 1985, dtv Nr. 10385, S.166 f
T.B. müsste also 1944 in Passau gewesen sein. Das Adressbuch der Stadt Passau von 1939 verzeichnet folgende Kohlenhandlungen, deren Lager mit Aufschriften entlang der Bahnstrecke zu sehen waren: Max Barnerssoi, Lobinger A., Vertreter der Firma de Gruyter u. Co., Resch Edmund.
Bei der "Handelsakademie" handelt es sich um die "Städtische dreiklassige Handelsschule
Passau", deren Direktor zu dieser Zeit Studienrat Franz Scheigele war und die in dieser Zeit im heutigen ebäude der Staatlichen Bibliothek Jesuitengasse 11 untergebracht war.
Leider konnte die Prüfungsakten nicht gefunden werden.
" Einmal sei er mit der Schwester nach Passau gefahren, weil sein Vater ihm eingeredet habe,
Passau sei eine schöne Stadt, eine erholsame Stadt, eine außergewöhnliche Stadt, aber schon, als sie in
Passau ankamen, hatten sie gesehen, dass es sich bei Passau um eine der häßlichsten Städte überhaupt handle, um eine Salzburg nacheifernde Stadt, die vor Hilflosigkeit und Hässlichkeit und widerwärtiger Plumpheit strotzende Stadt, die sich in perverser Hochmütigkeit Dreiflüssestadt nennt. Sie seien nur ein kurzes Stück in diese Dreiflüssestadt hineingegangen und hätten bald wieder umgedreht und wären, weil binnen Stunden kein Zug nach Wien zurückgefahren sei, mit einem Taxi nach Wien zurückgefahren.
Nach diesem Passauerlebnis hätten sie alle Reisevorhaben aufgegeben auf Jahre, dachte ich. Habe die Schwester einen Reisewunsch vorgebracht in den folgenden Jahren, habe Wertheimer zu ihr nur gesagt: denke an
Passau! und damit jede Reisedebatte im Keim erstickt."
Aus "Der Untergeher", 1983, zitiert nach Bibliothek Suhrkamp 1986 S. 72 f
"Denn die Jagd nach der Neuen Zürcher Zeitung hatte uns an den Rand unserer physischen Möglichkeiten gebracht. In vieler Hinsicht, denke ich jetzt, wenn ich mich an diese Geschichte mit der Neuen Zürcher Zeitung erinnere, sind der Paul und ich uns ziemlich gleich gewesen. Wenn wir nicht total erschöpft gewesen wären, wären wir sicher auch noch nach Linz und nach Passau, vielleicht auch noch nach Regensburg und nach München gefahren, und schließlich hätte es uns auch nichts ausgemacht, die Neue Zürcher Zeitung ganz einfach in Zürich zu kaufen, denn in Zürich, so denke ich, hätten wir sie mit Sicherheit bekommen. Da wir an allen diesen Orten die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen haben, weil es sie in ihnen auch während der Sommermonate nicht gibt, kann ich alle diese aufgeführten Orte nur als miserable Drecksorte bezeichnen, die absolut diesen unfeinen Titel verdienen. Wenn nicht einen dreckigeren. Und es ist mir damals klar geworden, dass ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt… Wir sollten uns nur immer da aufhalten, wo wir wenigstens die Neue Zürcher Zeitung bekommen, sagte ich und der Paul war absolut meiner Meinung."
Aus "Wittgensteins Neffe", 1982, zitiert nach Bibliothek Suhrkamp 1982, S. 89 f
Anmerkung: Die NZZ war schon immer im Zeitungskiosk des Passauer Bahnhofs erhältlich.
Seit vielen Jahren wird die Deutschland- Ausgabe der NZZ bei der Neuen Presse Verlags GmbH in Passau gedruckt.
